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Beginnings
Partners in crime

Nachdem wir nun also stolze BesitzerInnen eines „Hauses“ waren – egal wie dick die Anführungszeichen um dieses Wort auch sein müssen – haben wir schnell herausgefunden, dass es nicht mit einer neuen Raufasertapete, etwas weißer Wandfarbe, sowie Geduld und Spucke getan sein würde. Dieses Haus verlangte mehr von uns. Die Frage war, ob wir ihm das, was es verlangte, geben konnten, ohne extensive Hilfe von außen einkaufen zu müssen. Wir überlegten lange hin und her, ob wir einen Architekten engagieren sollten, um uns bei dem Projekt unter die Arme zu greifen. Denn diese Damen und Herren sind bekanntermaßen nicht günstig und bei Einfamilienhäusern darum auch nicht mehr immer gefragt. In vielen Sachbüchern zum Thema werden sie eher als Luxus angesehen, den man sich geben kann, aber nicht muss.

Wir haben uns letztendlich FÜR einen Architekten entschieden, aus mehreren Gründen. Zum Einen war der Aufwand unseres sich abzeichnenden Bauprojektes hoch: Wir hatten ein Bestandshaus, das wir gerne grundsanieren wollten. Die Fenster alle Richtung Norden (perfekt für Vampire), die Grundfläche des Hauses aufgrund von Auflagen nicht veränderlich (dachten wir) und dazu noch all die Einschränkungen, die sich durch das Sanierungsgebiet ergaben, in dem sich das Haus befand. Gerade Letzteres bedeutete den Bedarf an technischem Know-How und gekonntem Jonglieren mit absonderlichen Behördenbedürfnissen. Hinzu kam, dass uns genau während dieser Kontemplationsphase Freunde von einem exzellenten Architekten erzählten, der jüngst ein ähnlich anspruchsvolles Projekt in Westdeutschland für Bekannte begleitet hatte. Dass er originär aus der weiteren Gegend Bielefeld stammt (wie Anne!) und aktuell in Amsterdam wohnt (groovy!), konnte uns nur in unserer Entscheidung, ihn zu kontaktieren, bestärken.

Wir haben André kennengelernt und es hat sofort geklickt. Es war schnell ersichtlich, dass wir menschlich auf einer Wellenlänge liegen und ähnliche Ansichten sowohl über das geplante Bauvorhaben, als auch über das Leben an sich haben. Er hat uns dann durch die ersten vier Leistungsphasen der Bauplanung begleitet und er hatte es dabei wahrlich nicht leicht mit uns, to say the least. Denn anfangs wollten wir ja noch sanieren. Danach wollten wir abreißen und mit demselben Grundriss wieder aufbauen. Dann wollten wir abreißen und an anderer Stelle wieder aufbauen. Und was ich hier so süffisant in 3 Sätzen zusammengefasst habe, war ein Prozess, der sich über ebensoviele Jahre hinweg zog und der viele äußerst unterschiedliche Entwürfe und Konzepte von André einforderte (ich sag nur „Japanischer Innenhof“, chef’s kiss). Aber André hat uns toll begleitet und über unsere diversen Querelen gutmütig hinweggeschaut und sich unhörbar mit den Zähnen knirschend wieder ans Zeichenbrett gesetzt.

Diese Love Story musste jedoch nach der vierten Leistungsphase enden, denn durch die örtliche Entfernung Andrés war es nicht möglich, auch die Bau-Leistungsphasen 5-8 zu betreuen, die beinhalten, dass man zwingend regelmäßig so oft wie möglich auf der Baustelle sein muss. Wir suchten in der Folge also einen Architekten, der uns auch vor Ort unterstützen konnte und dabei hoffentlich auch menschlich und ideell ebenso gut zu uns passte wie André. Obwohl dies recht hohe Ansprüche sind und wir als Suchwerkzeug wenig mehr als Google zur Verfügung hatten, haben wir es doch geschafft, einen zweiten Glücksgriff zu landen. Ready Player Two!

Während jedermann aktuell die größten Stücke auf Suchanfragen in Paarung mit künstlicher Intelligenz hält, genügte bei uns schon eine schnöde Google-Suche der Form „Ökologischer Architekt Berlin“. Ein paar Klicks später, ein paar vorsichtige Anfragemails an verschiedene Google High-Hitter, ein paar Weiterleitungen von einem Architekt zum nächsten und plötzlich stand Michael auf unserer Baustelle, um sich mal umzuschauen. Dass er einen Sea Shepherd-Pulli anhatte, hat zwar nicht sofort den Ausschlag gegeben, war aber sicher ein guter Anfang unserer Zusammenarbeit. Wir klickten ebenso schnell wie mit André und konnten bereits nach kurzen Sondierungen beruhigt unser noch fragiles Bauprojekt in Michaels Hände geben. Sein erstes Anliegen war dann tatsächlich, ob er den von uns geplanten Porenbeton-Bau nicht kurzerhand in einen Hanfkalkstein-Bau umwandeln dürfe. „Haha, natürlich nicht!“, dachten wir zuerst. Wir sind ja sehr auf ökologisches Bauen bedacht, aber (1) jetzt nochmal kurz vor der Baueingabe die Pläne komplett umschmeißen (2) für ein wenig etabliertes Verfahren, das auch noch (3) die Kosten hochtreiben wird? Außerdem… (4) besitzt Hanfkalk überhaupt statische Eigenschaften, oder kann der große böse Wolf einfach unser Haus wegpusten, wenn er unsere drei kleinen Schweinchen holen will? (5) Und wie absurd war es denn, dass wir uns gerade vom Amsterdamer Architekten getrennt hatten und ausgerechnet der Süddeutsche nun mit Bubatz ankam?

Es hat zugegebenermaßen also ein bisschen gedauert, bevor alle obenstehenden Bedenken ausgeräumt, alle Kosten ausgerechnet, alle Entwürfe und statischen Berechnungen überholt waren, aber am Ende stehen wir nun an einem Punkt, an dem wir uns vor wenigen Jahren bestimmt komplett nicht gesehen haben: Wir ziehen nicht in die grundsanierte krumpelige Villa Kunterbunt, die wir gekauft haben – wir reißen sie komplett ab und bauen stattdessen an der Straßenfront neu… mit Hanf! Wtf? Dass das überhaupt möglich ist, war uns damals gar nicht so richtig klar. Und dieser lange, mühevolle Planungsprozess war nervenaufreibend… es erforderte schon eine gewisse gedankliche Offenheit gegenüber neuen Ideen und Technologien und am Ende sind wir massiv stolz darauf, wo wir gelandet sind. Aber ohne André und Michael wäre das in der Form ganz sicher nicht möglich gewesen. Ohne die beiden würden wir vermutlich immer noch versuchen, mit einem Ceranfeldschaber den Teer von den alten Ziegelsteinen zu kratzen.

Hätten wir eine Zeitmaschine und könnten in der Zeit zurückreisen… klar, wir würden Hitler töten, wer würde das nicht? Aber die Entscheidung, mit Architekten zu bauen, würden wir nicht rückgängig machen. Nous ne regrettons rien.