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Beginnings
WTF?

Die häufigste Frage, die uns zu unserem Grundstück gestellt wird, ist: „Wo zur Hölle habt Ihr das denn herbekommen?“ In dieser Frage schwingen meist zwei Gefühle mit. Auf der einen Seite ein gewisser Respekt gegenüber einem vergleichsweise urbanen Grundstückskauf inklusive Garten, und das in einer sehr angespannten Immobilienlage (das war noch damals in 2021).

Auf der anderen Seite aber auch ungläubiges Staunen über dieses „Ding“, das wir uns da ans Bein gebunden haben. Denn eines hat sicher niemand gesagt, als er oder sie das Grundstück zum ersten Mal gesehen hat. Nämlich: „Oh, schön!“ Denn das wäre dreist gelogen. 

Mit „schön“ hatte das Ganze nichts zu tun. Unser Familienanwalt hat ordentlich geschluckt, als er den Kaufvertrag prüfte und hat gemeint „Timo, jetzt habt Ihr ein viertes Kind. Viel Spaß“. Damals haben wir noch darüber gelächelt, aber inzwischen ist uns klar, was er damit gemeint hatte.

Doch um es nicht länger spannend zu machen, wollen wir die obenstehende Frage wenig spektakulär beantworten: Wir haben das Haus von ImmoScout, ganz einfach. Es wurde dort ganz offiziell veröffentlicht und hat auch einige abenteuerlustige Haudegen zu einer Besichtigung animiert, damals noch mit Maske und allem Drum und Dran. Die Maske schützte in diesem Falle nicht nur gegen Covid, sondern auch gegen den Schimmel im Haus und verschiedene andere Toxine, die unser Schadstoffgutachter viel später entdecken sollte. Aber, wir Glücklichen, davon war natürlich bei den ersten zaghaften Besichtigungen noch nichts zu ahnen. Die belesenen Gutachter, die wir mit zu den Terminen bestellten, konnten uns lediglich bescheinigen, dass das Haus eine absolute Black box sei. Man wisse komplett nicht, was sich hinter diesen Wänden abspielte. Und damals gingen wir noch naiv davon aus, dass wir ein paar neue Tapeten reinmachen, ein paar Wände einreißen, andere neu ziehen und dann direkt einziehen könnten.

Aber erstmal musste das gute Objekt überhaupt erstanden werden. Hinter der freundlichen Nachlassverwalterin scharrte eine mehrköpfige Erbengemeinschaft mit den Hufen. Das Haus sollte schnellstmöglich zu Geld gemacht werden, am besten bevor irgendein Ghostbuster mit seinem PKE-Meter erste Messungen durchführen konnte. Die potentiellen Käufer sollten am Besten nirgendwo zu genau hinschauen oder noch an einem losen Stück Tapete ziehen oder – Gott bewahre – einen Blick in den Kriechkeller werfen – haha, da wird schon alles in Ordnung sein. Letztlich erhielten wir den Zuschlag zum Haus nur, weil wir diese Störgeräusche freundlich nickend ignoriert und im Eiltempo unsere Bonitätsunterlagen zusammengestellt hatten. Und, weil wir uns in einer freitagabendlichen Telefon-Versteigerung gegen einen anderen Mitbieter durchsetzen konnten. Das wäre lustig gewesen, wenn es nicht so skurril gewesen wäre: die Maklerin rief uns und den Mitbieter abwechselnd an und teilte mit, wie hoch der oder die andere gerade geboten hatte – wir konnten dann entscheiden, ob wir überbieten wollten oder aussteigen in 2.000 EUR-Schritten. Kann natürlich auch sein, dass die Dame ausschließlich uns angerufen hat und zwischen den Anrufen Solitär gespielt hat, bis sie mit unserem Gebot zufrieden war. Aber die eingeschaltete Notarin, die dem Ganzen beiwohnte, gab uns zumindest ansatzweise ein beruhigendes Gefühl.

Am Ende gehörte es dann tatsächlich uns. Ob des Zustandes waren wir uns gar nicht hundertprozentig sicher, ob wir lachen oder weinen sollten – also taten wir einfach beides! Es war zu verrückt. Das Haus war voller Gerümpel, der Keller einsturzgefährdet, die Wände angeschimmelt, auf dem Grill lagen noch verschimmelte Würstchen der Erbengemeinschaft – und die tatsächlichen Schrecken sollten wir erst entdecken, als wir mit der Entkernung des Hauses begannen.

Nachdem die Stadt lachend keinen Gebrauch von ihrem Vorkaufsrecht machte, schlossen wir erstmals selbst das quietschende Metalltor unseres neuen Grundstücks auf und dachten uns so: WTF – Wasn Tolles Familienheim!