Nach der winterlichen Entkernung hatten wir schweren Herzens entschieden, das Bestandshaus abzureißen. Zu groß die Mängel, zu unsicher der Weg, der zu einem gemütlichen und vor allem gefahrlosen Familienheim führen könnte. Ein kurzerhand beauftragtes Schadstoffgutachten pflichtete uns bei: „Gut gemacht, Leute. Wenn Ihr hier eingezogen wärt, hätten Eure Kinder in wenigen Jahren alle jeweils drei Arme und Lungenkrebs.“ Das Bestandshaus war relativ willkürlich und chaotisch aus Restbeständen zusammengestückelt. Türen waren lose mit Ziegeln zugemauert, Fenster waren mit Bauschaum in Wandlöcher gedrückt, hinter den Wänden verbarg sich schädliche Kunststoffmineralfaser, Teerreste klebten an Ziegeln, die Böden waren schadstoffbelastet, die Dächer sogar noch viel mehr und ein Heizkörper war tatsächlich mit Bauschaum an die Wand geklebt. Wer auch immer hier federführend war, hatte viel Phantasie und wenig übrig für Nachhaltigkeit oder Sicherheit. Genehmigt waren die Anbauten sowieso nie, das Bauamt kannte Teile des Bestandshauses nicht mal.
Diese Umstände machten die Suche nach einem Abrissunternehmen kompliziert. Es war nicht genau zu erkennen, wieviel Schadstoffe eigentlich vorhanden waren und teuer entsorgt werden müssten. Dementsprechend schwierig gestaltete sich die Schätzung der Abrisskosten für die Unternehmen – sie pendelte irgendwo zwischen 60.000 und 220.000 EUR.
Wir führten harte Verhandlungen mit den Unternehmen und entschieden uns letzlich für eines der günstigeren, das trotz des Preises einen verlässlichen und kompetenten Eindruck machte. Auf jeden Fall gingen wir guten Mutes in unser Abbruchunternehmen. Nach Jahren des behördlich bedingten Stillstands sollte sich endlich etwas auf dem Gelände tun.
Bei den ersten Besuchen auf der sich langsam entwickelnden Baustelle wurde eine Daumenregel recht schnell klar: Bei jedem Besuch sollte mindestens eine Sache schief gehen oder schiefgegangen sein seit dem letzten Besuch. Zu Beginn gab es kein Dixiklo. Dann gab es keinen Zaun und die Baustelle war über Nacht notdürftig mit Brettern versperrt. Auf dem Nebengrundstück fehlte ein Absperrzaun zu unserer Baustelle. Geparkte Autos waren dem Hubsteiger im Weg (weil niemand einen Zettel für die Nachbarn aufgehangen hatte). Unser Sicherheitsinspektor hatte bei seinen Besuchen eine sichtliche Freude daran, noch viel mehr Punkte auf seinem Klemmbrett zu vermerken. Kein Bauwasser. Keine Waschstelle. Zu wenige Helme und Sicherheitsschuhe.
Aber in meiner persönlichen masochistischen Hitlist muss der erste Besuch des LaGetSi stehen. Für alle, die gerade erst einschalten: LaGetSi sind die Leute vom Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin. Jene Herren sind verpflichtet, in konzertierter Arbeit mit unserem SiGeKo (Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator), auf die Sicherheit der Baustelle zu achten, damit niemand zu Schaden kommt und alles in geregelten Bahnen abläuft. Uns bot sich ein herrlich deutscher Vorgang, als wir uns am Montag Morgen vor der Baustelle trafen, in Sicherheitsweste, mit Helm und Sicherheitsschuhen und verdammt vielen Klemmbrettern und praktischer Funktionskleidung. Und als wir unsere ersten vorsichtigen Schritte auf den sehr, sehr unsicheren Grund setzten, um die Baustelle zu inspizieren, kam aus dem Nichts eine Dame auf dem Fahrrad vorbei.
Neulich, gegen Ende der Arbeiten, rief mich nochmal unser Architekt an. Jetzt, da die Arbeiten sich langsam vom Hausabriss Richtung Bodenarbeiten verschoben, trieb es ihn doch noch um, ein weiteres Mal danach zu fragen, ob das Gas auch wirklich abgestellt war. „Natürlich!“, antwortete ich im Brustton der Überzeugung. Das hatte ja damals das Entkernungsteam gemacht. Der Architekt ließ nicht locker… ob ich nicht vielleicht etwas Schriftliches dazu hätte? Nein, hatte ich tatsächlich nicht. Ich suchte also in meinen alten Mails und diesem einen Glas mit Visitenkarten auf dem Schreibtisch nach dem Kontakt zum Entkernungsteam. Nach einiger Zeit hatte ich endlich jemanden am Apparat.
„Hi Timo, ja, klar, das Gas ist abgestellt.“
„Puuuuh, ich hatte langsam schon echt Sorge. Danke für die Bestätigung, wir haben nämlich mit den Erdarbeiten angefangen.“
„Oh…“
Pause.
„Was… oh?“
„Naja, das Gas ist IM HAUS abgestellt. Das Gasrohr auf dem Grundstück steht noch voll im Druck.“
In dem Moment war es ganz still. Tatsächlich hielt ich kurz die Luft an, weil ich sehr angestrengt horchte, ob ich in der Ferne eine Explosion gehört hatte. Das Gas war noch an, während das Abrissteam die Bodenplatten aufhämmerte. Nur beherztes und schnelles Eingreifen unsererseits verhinderte Schlimmeres. Wobei… so eine schöne Baugrube, die sich innerhalb von wenigen Sekunden selbst ausgräbt, hätte natürlich auch was gehabt. Sie wäre halt nur etwas größer als geplant gewesen.

