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Beginnings
Rotten to the Core

Als sich das erste Mal Schnee auf unser eigenes Grundstück legte, hatten wir gerade die Nachricht von der Stadt Berlin erhalten, dass sie das Vorkaufsrecht nicht ziehen wolle. Das war eine große Sache für uns: Damals stand unser gesamtes Hausprojekt noch auf massiv wackeligen Beinen. 

Ob wir das Grundstück wirklich bekommen und mit unserer Familie dort einziehen dürfen, war noch nicht abzusehen. Unsere Maklerin munkelte etwas von einem kürzlich vom Bezirk gezogenen Vorkaufsrecht bei einem anderen Grundstück und die

 Herbstwolken zogen sich unheilschwanger über unseren Zukunftsträumen zusammen. Je länger wir auf die Nachricht der Stadt warteten, desto dringender wollten wir das Haus haben.

Obwohl nun die Wartezeit ja bekanntlich jene ist, die am langsamsten vergeht, ging es doch überraschend schnell mit der Antwort der Stadt. Von den ihr zur Verfügung stehenden 3 Monaten Bearbeitungszeit brauchte sie nur knapp 2, bevor sie uns mitteilte, dass sie mit dem Grundstück nichts anfangen könne. Natürlich sagte sie das eher durch die Blume, und mit vorgehaltener Hand, um das Kichern zu verbergen. „Was in Dreiteufelsnamen,“, schien das Amt zu fragen, „sollen wir denn damit anfangen?“ Wir jubelten, als der Brief ankam und feierten die Nachricht ausgiebig. Die Kinder sprangen, die Eltern machten sich einen Drink und unterrichteten Freunde und Verwandte, die seit Wochen händeringend an den Telefonapparaten auf Nachricht warteten. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte und wir uns ein paar Tage in der Vorstellung sonnen konnten, dass dies nun wirklich unser Grundstück sein durfte und nichts mehr schiefgehen konnte, fühlten wir uns dann irgendwie peinlich berührt: Warum wollte die Stadt es denn eigentlich nicht haben? Was erwartet diese verwöhnte Stadt denn? Ist unser Grundstück etwa nicht genug für sie? Man fühlte sich, als hätte die eigene Tochter jemanden zum Tanzen aufgefordert und der hätte nur abgewunken: Ne, danke! Und in diesem Moment der Introspektive wurde uns langsam klar: Wir hatten endlich unser Traumgrundstück bekommen. Aber irgendwie hatte es jetzt auch uns.

Unser erster Impuls, sinnierend und still über das Grundstück zu schleichen und sich zu überlegen, was dort alles irgendwann mal entstehen könnte, war schnell abgehakt. Der zweite Impuls war dann schon ein beherztes in-die-Hände-spucken und die Bauarbeiter anrufen. Es sollte keine Zeit verloren gehen – die Baumasse musste auf Herz und Nieren geprüft werden. Konnten wir in dieses chaotische Schmuckstück mit den Viehtrögen, den altpreußischen Kappendecken und den, naja, kreativen Ostberliner Anbauten einziehen? Schnell war ein fähiges Entkernungsteam zusammengestellt, das im späten Herbst das Hauptgebäude auf die nackten Wände runterstrippte. Die Zwischendecken wurden auch entfernt und das Haus präsentierte sich uns so nackt und so bloß, es war fast unangenehm.

Und unangenehm wurde es für uns dann in der Tat. Die anfangs als Black Box bezeichnete Bausubstanz war verhehrend. Was sich hinter den freundlich tapezierten Wänden verbarg, bestätigte unsere schlimmsten Vermutungen. Schadstoffe waren an den Ziegeln und im Boden, toxische Kunstmineralfaser war hinter den Trockenbauwänden. Eine Außenwand war komplett durchgeweicht, inklusive der dicken Deckenbalken, die während der Bauarbeiten teilweise einfach modrig in sich zusammenstürzten. Und zu unser aller Überraschung waren die Wände des Hauses in den Ecken nicht verzahnt. Tatsächlich war das Haus ziemlich genau so gebaut, wie unser Juri, 3, gerne seine Duplo-Häuser baut. Und sich kurz darauf wundert, warum die Wände ständig einstürzen. Zu Juri sage ich dann immer genau das, was man damals den Hausbauern hätte sagen sollen: „Setze die Steinreihen immer versetzt übereinander, niemals darf eine Steinlücke sich vom Boden bis zum Dach ziehen. Sonst bricht ganz leicht mal eine Wand raus, wenn Deine Schwester dagegen stößt“. Und da ebendiese Schwestern jetzt auch mit ins neue Haus ziehen möchten, gab es eigentlich keinen Weg drumherum:

Wir mussten abreißen und neu bauen!